Universitätsstadt Oxford – Von der Idylle einer Schneekugel

Universitätsstadt Oxford – Von der Idylle einer Schneekugel

Von Melissa Schuh

Hohe Türme, enge Gassen, geheime Gärten, doch nahezu unberührt von der historischen Persönlichkeit ihrer Stadt eilen Passanten über ausgetretenes Kopfsteinpflaster und weichen geübt Touristen aus, die staunend jahrhundertealte Gebäude ablichten, in denen heute über 21 000 Studenten ihrem täglichen Leben nachgehen. Seit über 900 Jahren wird in Oxford gelehrt und gelernt: eine Universitätsstadt, die sich durch den Einfluss von Tradition sowie dem immerwährendem Zufluss junger Nachwuchstalente und Forscher auszeichnet. Die alltägliche Präsenz von Oxfords Größe ist unbestreitbar: mit Fialen gespickte Turmspitzen, beispielsweise als Teil von Christ Church Colleges imposanter Architektur oder als Krönung des Kirchturms der University Church of St. Mary the Virgin, prägen das Panorama der Stadt. Doch wie so oft wird man auch in Oxford den kulturellen und geschichtlich faszinierenden Reichtürmern gegenüber blind, die vor der eigenen Haustür liegen, wenn man nur eine Weile dort studiert. Unter hiesigen Studenten wird dieser Zustand als ein Feststecken in der „Oxford-Bubble“, der Oxford-Blase, bezeichnet. Es scheint fast so, als würde man zum Bewohner einer Schneekugel (im wahrsten Sinne des Wortes, was das Wetter der letzten Wochen betrifft), deren Idylle keinen Eindruck mehr macht, wenn man die „Blase“ lange genug nicht mehr verlassen hat. Nachdem ich nun sechs Monate hier lebe, wage ich also mal einen Blick über die „Oxford-Bubble“ hinaus, was sehen die Besucher dieser Stadt?

Der „Covered Market“, eine Markthalle in prominenter Lage auf Oxfords High Street, beruht wie so vieles in dieser Stadt auf einer über 200 Jahre alten Tradition und versammelt heute etwa 60 unabhängige Läden und Geschäfte, die jeden Tag von 8:30 bis 17:30 geöffnet sind. Von frischem Fisch, verschiedenen Käsesorten und ausgefallen Torten bis hin zum längsten Handtaschengeschäft und einem Café, das hausgemachte Milkshakes serviert ist hier alles vertreten und der Markt lädt auch bei schlechtem Wetter zu gemütlichem Flanieren und dem Einkauf heimischer Produkte ein. (http://www.oxford-coveredmarket.co.uk/)

 

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Oxfords Covered Market (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Covered_Market_Inside.JPG)

Übrigens, für Marktliebhaber findet Mittwochs ein Obst- und Gemüsemarkt und Donnerstags ein Künstlermarkt auf dem Gloucester Green Platz statt.

Oxfords Colleges sind weltbekannt. Als Student gewöhnt man sich schnell daran in den geschichtsträchtigen Hallen und Räumen zu lernen, die über die ganze Stadt verteilt sind. Dennoch lockt der Besuch eines Seminars in einem noch unbekannten der 38 Oxford Colleges immer wieder ein wenig Staunen hervor. Nicht alle Colleges sind immer für Besucher geöffnet, Besuchszeiten variieren, sind aber meist am Nachmittag zwischen 14 und 17 Uhr. Besonders eindrucksvoll sind die Halle von Christ Church College (wo die Harry Potter-Filme gedreht wurden) und der Reh Park von Magdalen College. Ein persönlicher Geheimtipp ist der  Garten  von Worcester College, mit seinem See sowie Kirsch- und Apfelbäumen.

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Worcester College Garden im Winter (Quelle: privat)

Als Literaturwissenschaftlerin komme ich nicht umhin einen Besuch der Bodleian Library, der Hauptbibliothek der University of Oxford, zu empfehlen. Als zweitgrößte Bibiliothek Großbritanniens und als eine der fünf Pflichtexemplarbibliotheken, wo ein Exemplar jedes im Land gedruckten Werkes hinterlegt werden muss, erfüllt die „Bod“, wie Studenten sie nennen, die Träume eines jeden Bibliophilen. Wer das Eintrittsgeld sparen möchte, kann einen Blick in den Flagshipstore der Buchhandlung Blackwell’s riskieren: Auf vier Stockwerken mit dem unteriridischen Norrington Room läuft fast jeder Buchliebhaber Gefahr etwas zu lesen zu finden.

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Blackwell’s Oxford Norrington Room (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Blackwells_Oxford_2.jpg)

Im März dieses Jahres fand zudem zum zweiten Mal das „Oxford Literary Festival“ statt. Lesungen und Gespräche mit Autoren, wie Eoin Colfer, Hilary Mantel, Julian Barnes, Philip Pullman und Kate Mosse, verwandelten Oxford eine Woche lang in einen literarischen Vergnügungspark, der sich auf die historische Präsenz von literarischen Größen dieser Stadt, wie J.R.R. Tolkien, Lewis Carroll und C.S. Lewis, stützen konnte. 2014 wird das Literaturfestival vom 22. – 30. März wieder nach Oxford einladen. (http://oxfordliteraryfestival.org/)

Wie man merkt lässt mich die Bücherliebe nicht los, doch was tut man eigentlich in Oxford um mal so richtig abzuschalten vom studentischen Alltag (Gemüsemärkte und Collegebesichtigungen mal beiseite lassend)? Zwischen 7:45 und Sonnenuntergang laden die Parkanlagen der Universität zu einem Spaziergang ein (http://www.parks.ox.ac.uk/index.htm), während eine Fahrradtour nach Port Meadow an der Themse entlang sportliche Ablenkung an der frischen Luft bietet. Die Bücherliebhaberin in mir zieht es an einem regnerischen Nachmittag (und davon gibt es auch in der Schneekugellandschaft von Oxford genügend) jedoch in mein Lieblingscafè: „Combibos Coffee“ ist ein Familiengeschäft, ein unabhängiges, kleines Cafè auf dem Gloucester Green Platz mit gemütlich zerknautschten Sofas, Teesorten mit aufregenden Namen wie „Red Berry Burst“, „Girly Grey“ oder „Mojito Mint“ und einer überwältigenden Auswahl an Kuchen und Keksen in verschiedenen Sorten (http://www.combibos.co.uk/). Nach diesem gedanklichen Exkurs zu Oxfords Sehenswürdigkeiten außerhalb des Studentenlebens sitze ich hier und genieße meine letzte Tasse Tee für heute. Morgen wartet ja doch wieder eine Hausarbeit auf mich, in dieser wunderbar wandelbaren Schneekugel von einer Stadt, wo die Zeit mitunter stehen geblieben zu sein scheint.

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