Parallelgesellschaften als Tummelplatz für Extremisten

Parallelgesellschaften als Tummelplatz für Extremisten

von Tom Clements

Der in den 1990er Jahren geprӓgte Begriff „Parallelgesellchaft“ ist in letzter Zeit zum politischen Zauberwort geworden. Rechtsorientierte Politiker in Deutschland hetzen oft gegen sie und warnen besonders vor Ausdehnung der islamisch geprӓgten Stadtteile in Deutschland wie der damit verbundenen Terrorismusgefahr. Aber besteht tatsӓchlich ein direkter Zusammenhang zwischen der radikal-islamischen Strӧmung des sogenannten „Salafismus“ und Gefühlen der sozialen Ablehnung die in solchen Gebieten hӓufig vorkommen?

Parallelgesellschaften in Deutschland, wie auch in anderen Lӓndern, entstehen aus einer mehr oder weniger homogenen Gruppe, die sich grӧßtenteils von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt  und benachteiligt fühlt. Ein Drittel der fast 4 Millionen in Deutschland lebenden Türken, zum Beispiel, ist  im Lande geboren, aber auf Grund ihrer Herkunft fühlen sich viele davon vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes fühlen sich 32% davon nicht als Teil der deutschen Gesellschaft.

Dementsprechend gehören viele Türken zur unteren Einkommensschicht in Deutschland. Das monatliche Haushaltseinkommen der Deutschen liegt bei rund 2700 Euro, bei Türken jedoch nur bei 2200 Euro. Außerdem haben 19% der in Deutschland lebenden Türken keinen Schulabschluss im Vergleich zu nur 2% der Deutschen. Eine gute Ausbildung ist eine grundlegende Voraussetzung  für  soziale Anpassung und ohne sie kommt man in entwickelten Gesellschaften wie Deutschland nicht weit. Deswegen schauen viele schlecht ausgebildete türkische Jugendliche in eine graue Zukunft ohne Geld, ohne  Perspektive und ohne Hoffnunng. Gelegentliche deutsche Vorurteile und Auslӓnderfeindlichkeit gegenüber Türken, verschärfen ihre Isolierung noch weiter. Diese Jungendlichen leben in der Tat am Rande der Mehrheitsgesellschaft und sind dabei nicht Gegenstand staatlichen Interesses.

Aus diesem Frust und dieser Verzweiflung heraus, suchen immer mehr junge türkische Muslime in Deutschland eine militante islamistische Gegenwelt als Zuflucht vor ihren Unterlegenheitsgefühlen und den Diskriminierungen. Religiӧse Extremisten, wie zum Beispiel die sogenannten „Salafisten“ , die in Deutschland eine stets wachsende Minderheit bilden, nutzen die Demütigungen dieser beeinflussbaren Jugendlichen, um ihre extremistische Ideologie voranzutreiben. Obwohl der Islam einen wichtigen Teil der türkischen Kultur ausmacht, sind türkische Muslime traditionell viel liberaler als Muslime anderer islamischer Lӓnder. Diese Radikalisierung ist also ein neues Phӓnomen, das im Augenblick immer auffӓlliger wird und unvermeidlich zur Entstehung von Parallelgesellschaften führt. Dies wird die Integration ihrer Anhänger nur noch weiter erschweren.

Um der Gefahr radikal-islamischer Bewegungen gegenzusteuern, muss die Mehrheitsgesellschaft die Perspektiven dieser jungen in Deutschland lebenden Muslime grundlegend verӓndern. So könnte, die Gefahr, die von diesen radikalen Jugendlichen ausgeht, eingedämmt und ihnen stattdessen ein eigenstӓndiges Leben ermöglicht werden. Als Gefӓngnis sozialer Armut bestehen islamisch geprӓgte Parallelgesellschaften in Deutschland, wie auch in anderen europӓischen Lӓndern, als Zeitbomben des Fundamentalismus fort. Einfache Bekӓmpfungsmaßnahmen dagegen gibt es nicht, doch momentan besteht die wichtigste Aufgabe darin, diesen jugendlichen Muslimen das Gefühl zu vermitteln, nicht völlig wertlos zu sein.

 

Literatur

Finkelstein, Kerstin E., Eingewandert: Deutschlands „Parallelgesellschaften“, (Berlin: CH-Links, 2006)

Redaktion: Jetta Knapp

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*