Nottingham – Andere Länder, andere Sitten

Nottingham – Andere Länder, andere Sitten

Von Anita Mäck   

Weniger ist nicht gleich mehr

Es ist der Beginn des Autumn Terms 2010/2011. Ich betrete eines Mittags ein Nottinghamer Café. „Hello my Sweetheart, what can I do for you?“ Von dieser Freundlichkeit überrascht verlasse ich mit meiner Heißen Schokolade und einem „Thanks, Love!“ den Laden. Auf dem Weg zur Uni fallen mir einige wohl typische Verhaltensweisen der Engländer auf. An fast jeder Bushaltestelle stehen Menschen geduldig Schlange, in Reih und Glied. Es wird nicht gedrängelt. Man begrüßt den Busfahrer und bedankt sich beim Aussteigen. Auch der Fahrer freut sich, dass man mit ihm mitgefahren ist und ruft jedem einzelnen seiner Fahrgäste ein „Cheers, thank you“ zu. Wird man aus Versehen beim Vorbeigehen sachte berührt, so wird man umgehend um Entschuldigung gebeten. So auch in den Geschäften. Als ich mir ein Haarspray kaufen möchte und etwas unschlüssig mit viel Abstand vor dem Regal stehe, naht sich mir ein Mann mittleren Alters, sucht meinen Augenkontakt und huscht mit einem leisen „I’m so sorry“ an mir vorbei. Was für die Menschen hier im täglichen Umgang selbstverständlich ist, erscheint mir fremd – jedoch auf positive Art. Zuhause in Deutschland ist der Busfahrer kein Mensch, sondern wird als Teil des Buses behandelt, der nur dafür verantwortlich ist, dass man von A nach B kommt… und das bitte pünktlich. Selbst wenn man im Stress so sehr angerempelt wird, dass einem fast die Tasche von der Schulter rutscht, sollte man nicht unbedingt ein „Entschuldigung“ erwarten. Alle diese Dinge erachtete ich zuvor nicht als unhöflich, sondern sie waren normal. Ich war es nicht anders gewohnt. Seit ich hier bin schätze ich genau diese kleinen Dinge des englischen Alltags so sehr, dass ich sie in Deutschland vermissen werde. Dort werde ich den Busfahrer begrüßen und mich beim aussteigen bedanken – auch wenn er mir dann etwas verwirrt nachsehen wird.

Alt trifft auf Neu

Nottingham ist aufregend gegensätzlich. Robin Hood trifft auf fortschrittliche Studenten und Business People von morgen. Die Sandsteincaves, das beeindruckende Castle und alte Backsteinhäuser treffen auf topmoderne Campusarchitektur. Natürlich hat jede Stadt eine Vergangenheit und eine Zukunft und somit ihre Gegensätze. Doch hier fallen mir die Dinge auf andere Weise ins Auge. Es mag daran liegen, dass ich fremd. Nichtsdestotrotz hat Nottingham einen unbestechlichen Charme. All die Nebengassen, die abseits der Hauptwege zahlreiche kleine Shops und Cafés aller Art beherbergen. Es gibt vieles zu entdecken, wenn man nur die Augen offen hält und einmal einen anderen Weg als den gewohnten geht. Sowohl in als auch abseits des Stadtzentrums findet das Studentenleben statt.

Der Campus – ein eigenes kleines Reich. Viel Natur sowie neue als auch alte und bestens ausgestattete Gebäude und Einrichtungen stehen uns Studenten voll und ganz zur Verfügung. Obwohl die Uni groß ist und tagtäglich tausende von Studenten über den Campus gehen, habe ich nicht das Gefühl nur eine Nummer zu sein. Es überraschte mich anfangs, dass manche Dozenten und Lehrer einen engen und individuellen Kontakt zu ihren Studenten pflegen. Mittlerweile empfinde ich dies als normal und werde auch daran mit einem Lächeln zurückdenken.

Wie sagt man so schön? Andere Länder, andere Sitten. Es ist ein unbeschreiblicher Reichtum diese Erfahrung sammeln zu können. Im hier und jetzt kann ich mir keinen besseren Ort vorstellen. Diese neun Monate werden mich prägen und bald ist es Zeit wieder nach Deutschland zu gehen. Leider komme ich dann nicht mehr in den Genuss von Sticky toffee pudding mit custard. Aber Earl Grey mit Milch kann ich zum Glück auch dort trinken. „Goodbye and thanks, Duck, for everything.“

 

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