Ist es anders? Deutschland und Frankreich durch die Augen einer Engländerin

Ist es anders? Deutschland und Frankreich durch die Augen einer Engländerin

ANNIE HUNTER –

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Paris, Dezember 2013

Da ich momentan als Fremdsprachenassistentin in Frankreich tätig bin und ich in Deutschland 2011-2012 eine vergleichbare Tätigkeit hatte, habe ich eine gute Möglichkeit zu untersuchen, wie die beiden Kulturen sich voneinader unterscheiden. Als ich damals in Nantes, Frankreich ankam, hatte ich nur wenig Vorkenntnisse der französischen Sprache und bin vorher nur einmal als Kind in Frankreich gewesen. Daher waren meine Erwartungen ziemlich unspezifisch und nicht vorherbestimmt, abgesehen von den unvermeidlichen Vorurteilen, die man immer über eine bestimmte Kultur hat. Diese überhörte ich, da ich meine eigenen Erfahrungen machen wollte.

 

 

Im September 2013 stieg ich in einem Flugzeug ein: Richtung Nantes. Als ich mich mit  meiner Gastgeberin am Flughafen traf und sie begrüsste mich mit zwei Küssen, war das für mich etwas ungewöhnlich. Jedoch fand ich diese Begrüssung sehr offen, warm und mir kam es so vor, als ob diese Art der Begrüssung das Eis zwischen uns gebrochen hätte. Aus einem Land zu kommen, wo auch ein robustes Händeschütteln in sozialen Situationen ausreicht, bedeutet, dass man sich an diese Art der engen Begrüssung schlicht gewöhnen muss.  Wenn man in ein Zimmer hineinläuft und sieht 25 Leute, woman sich in der Form „faire la bise“  begrüßen muss (jemanden auf die Wange küssen), kann man sich zunächst etwas überwältigt fühlen. Jedoch, als ich neulich auf eine Party in Detuschland ging und die Leute mit einem kleinen Wink und „Hallo, ich heiβe Annie“ begrüßte, fehlte es mir, eine persönliche Begrüssung mit den 15 Partygästen zu haben. Das hiess, dass ich mich nur mit den 4 oder 5 Gaesten unterhielt, die neben mir saβen. Schade! Genauso ist es in England; nur mit den Verwandten oder engen Freunden wird etwas mehr als Händeschütteln praktiziert. Komisch ist es also, dass der Spruch „sich Französisch empfehlen/verabschieden“ bedeutet, eine Party oder eine Veranstaltung zu verlassen, ohne sich beim Gastgeber zu verabschieden. Noch interessanter ist, dass die Franzosen diese sogenannte Verabschiedung als „filer a l’anglaise“ (sich englisch verabschieden) nennen. Hier stimme ich aber dazu!

 

Entgegen den Gerüchten, dass die Franzosen unhöflich sein können, ist meine Erfahrung bis jetzt ganz positiv. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich in Nantes bin und mir erzählt wurde, dass hier die Leute besonders freundlich sind. Ich unterhielt mich oft mit Leuten in öffentlichen Verkehrsmitteln und unterwegs auf dem Zug nach Bordeaux lernte ich einem Mädchen aus Nantes kennen, mit dem ich viele Sachen unternommen habe. Was mir gut hier gefällt und mir in Deutschland genauso gut Deutschland gefallen hat, ist der Spruch „bonne journée“ oder „schönen Tag noch“, den alle Leute anderen anbieten. Wenn man im Supermarkt ist und sich von dem Verkäufer verabschiedet, hört es sich so an, als ob sie es wirklich meinen. Selten wird es in England gesagt und wenn, dann ist es meiner Meinung nach nicht so tief empfunden.

 

In Bezug auf ernst gemeinte Sachen in Frankreich, fällt mir ploetzlich das Thema Mahlzeiten ein. Als wir meinen Stundenplan festgemacht haben, hat danach eine Lehrerin extra gefragt, ob ich in der Mittagszeit Konversationsstunde mit einigen Schülern anbieten könnte. Daraufhin geriet meine Betreuungslehrerin regelrecht in Panik und hat schnell gefragt: „Aber was ist denn mit dem Mittagessen?!“ Ich habe ihr gesagt, dass es schon geht und ich dann einfach zwischendurch etwas essen würde und dass es auf keinen Fall ein Problem für mich wäre. Nach einer Weile habe ich sie überredet und gesagt, dass ich aich einen Tag überlebe, wenn nicht direkt um 12 Mittag essen kann!

 

Es ist mir immer klarer geworden, wie reguliert die Mahlzeiten hier in Frankreich sind. Sie nehmen sich 2 Stunden zum Mittag und betrachten diese Zeit als sehr wichtig, sowohl um richtig zu essen, als auch eine Zeit lang unter Leuten zu sein. In der Mensa hat man die Möglichkeit, eine Vorspeise, ein Hauptgericht, einen Nachtisch, Obst, Käse, Brot und Salat zu essen, danach setzen sich die Lehrer mit ihren Kollegen an einen grossen Tisch und unterhalten sich. In einer Welt wo die Menschen immer mehr getrennt essen, ist es schön zu sehen, dass die Tradition gemeinsamen Essens weitergeht! Nicht nur Schulen, sondern auch die meisten Universitäten und Firmen besitzen eine Mensa, wo das Essen von guter Qualität ist und es sich lohnt hinzugehen. Im Vergleich zu England, wo die meisten Arbeiter vielleicht nur 20 Minuten für das Mittagessen verwenden und dabei ein hausgemachtes Brötchen und eine kleine Tüte Chips verzehren, finde ich die französische Methode etwas besser. Aber gleich 2 Stunden?! Ich denke, dass ein Mittelweg die beste Lösung  wäre, wie z.B die Mittagsstunde in Deutschland!

Ein traditionelles „Moules Frites“ Abendessen mit Freundinnen

Ein traditionelles „Moules Frites“ Abendessen mit Freundinnen

In Frankreich, genau um 20 Uhr, gehts wieder los mit dem Abendbrot. Eventuell ein bisschen später aber sicher nicht früher. Wenn man diese großen Mengen Essen bedenkt, die schon zum Mittag konsumiert wurden, ist es überraschend, dass viele Franzosen überhaupt noch etwas warmes zum Abendessen vorbereiten. Jedoch ist die Nascherei zwischen Mahlzeiten in Frankreich verpönt und es ist daher wichtig, dass die Franzosen während der angegebenen festen Mahlzeiten genug in sich hineinstopfen.

 

Tradition in Frankreich ist wichtig. Im Radio hört man viel weniger Lieder auf Englisch als in Deutschland. Es liegt daran, dass es ein Gesetz besteht, welches festlegt, dass mindestens 50% der Spielliste auf Französisch sein muss. In dieser Hinsicht, kämpft die seit Langem bestehende ,, L’academie francaise“  gegen die Beinflussung der französischen Sprache durch andere Sprachen, besonders gegen Englisch. Im Unterschied zu Deutschland wo englische Begriffe als Alternativen zu Deutschen Begriffen viel mehr wilkommen sind, hat die l’academie francaise ein sogenanntes dire, ne pas dire (sagen und was nicht zu sagen) erstellt, einen Sprachführer, der einen  französichen Ersatz für die häufig benutzten Anglizismen bietet, wie z.B baladeur statt dem englischen „walkman“, logiciel für „software“ und courriel als Ersatz für „email“. Ich stelle aber hier nur ein radikales Beispiel von einer Gruppe dar, die oft wegen ihrer höchst konservativen Meinungen kritisiert werden und auf gar keinen Fall eine mehrheitliche zustimmende Einstellung in Frankreich repräsentiert. Eigentlich verwenden die meisten Leute solche englische Begriffe wie „feedback“ und „debriefing“ nur in bestimmten Situationen wie z.B im Berufsalltag und würden diese Wörter sicher nicht in einem Gespräch mit ihrer Oma verwenden. Aus diesem Grunde halte ich die Infiltration von Englisch in gesprochenem Französisch nicht für eine richtige Bedrohung und die Angst der konservativen Franzosen deshalb für unbegründet. Die Wurzeln der französischen Sprache gehen zu tief in die Geschichte der Welt, um vergessen zu werden.

 

In Deutschland beherrscht die Mehrheit der Leute die englische Sprache. Wenn das nicht der Fall ist, gefällt es ihnen trotzdem, mit jemandem auf Englisch zu reden. Es ist ja schön, dass die Deutsche sich so viel Mühe geben, aber wenn man in einem Land ist, um sich sprachlich zu verbessern, wird es schwierig. Aus diesem Grund ist die oft mangelnde Bereitschaft Englisch in Frankreich zu reden eigentlich sehr hilfreich als Sprachverbesserungsgelegenheit!

 

Berlin, April 2012

Berlin, April 2012

Ich verbringe jetzt nur noch einen Monat in Frankreich und ich bin traurig, dass es bald zu Ende ist. Dafür habe ich aber viel in diesem Zeitraum gelernt und einen Haufen tolle Leute kennengelernt. Frankreich hat mir gefallen, genauso gut wie meine Zeit in Deutschland. Die beiden Länder und das Volk unterschieden sich sehr voneinander und auch sehr von  meinem Heimatland.

 

 

Ich bin Engländerin aber durch meine Erfahrungen habe ich kleine Stücke der Sitten und Gebräuche von Deutschland und Frankreich in mich integriert. Ich will jetzt den englischen Verkäufern  einen aufrichtigen „schönen Tag“ wünschen und öfter Käse zum Frühstück essen. Ich werde mir mehr Zeit für das Mittagessen nehmen und sicherstellen, dass ich genug Energie für den Rest des Tages durch die Mahlzeit aufgenommen habe. Aber, wenn ich schon um 19h Hunger habe, werde ich nicht auf 20h warten! Ich werde meine englischen Würzeln nicht verlieren; weil sie mich als Mensch gestaltet haben und daher wichtig sind!

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