Der Winter ist Vergangen

Der Winter ist Vergangen

LUCINDA BOLTON

Die Festtage liegen hinter uns, unser Traum einer weißen Weinachten wurde nicht verwirklicht, wir haben unsere Neujahrs-Vorsätze schon aufgegeben und wir haben es satt, uns in unsere Jacken und Pelze einzuwickeln. Es scheint, dass uns diese Jahreszeit nichts mehr anzubieten hat, und unsere Gedanken wenden sich zum Frühling. Der Winter ist vergangen – zumindest wünschten wir, er wäre es.

Zugegeben, diese Gefühle sind ein wenig verfrüht, aber ungeachtet dessen haben sie seit jeher einen Platz in der deutschen Volksmusik erworben, mit dem beliebten Lied „Der Winter ist Vergangen”. Jeder Student der deutschen Kultur ist sich sicherlich der Verbreitung und Popularität der deutschen Volksmusik in Deutschland bewusst.

In der Tat hat Thomas Mann Musik als die „deutscheste Kunst” betrachtet, und mit dieser Meinung war er nicht allein. Die Ansicht, dass Musik ein zentraler Bestandteil der deutschen Identität ist, soll aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen. Volksmusik wurde vor allem oft von politisch rechts gesinnten angewendet, um eine Volksidentität zu prägen[1]. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Herkunft der populärsten Volkslieder die Geschichte Deutschlands schildert – „Der Winter ist Vergangen” ist ein gutes Bespiel.

Obwohl das Lied auf das 15. Jahrhundert zurückgeht, war es seine Entwicklung im 20. Jahrhundert, welches es beliebt machte. Nach seiner Veröffentlichung in Schulliedbüchern, wie zum Beispiel dem „Fahrender Gesellen Liederborn” um 1910, wurde es von der Bündische Jugend (eine Organisation, die nach dem Elend des ersten Weltkriegs gegründet wurde) im Jahr 1927 aufgenommen[2]. Gleich als das Lied im Liederbuch der Hitler Jugend – „Uns geht die Sonne nicht unter”- 1934 veröffentlicht wurde, war es allgegenwärtig[3].

Was wir über den Ursprung des Liedes wissen ist, dass es überhaupt nicht deutsch, sondern eigentlich niederländisch ist. Es wurde erstmals in einem niederländischen Liederbuch aus dem Jahr 1573 gefunden und erst 1877 von Franz Magnus Böhme übersetzt.

Gleichwohl wurde das Lied als ein Teil des deutschen Volkseigentums betrachtet. Da die Nationalsozialisten eine Popularität erkannten, versuchten sie seine undeutschen Herkunft zu verschleiern. Sie warenbestrebt, diesem Lied eine deutsche Abkunft zu bescheinigen”. Es wurde später interessanterweiseon der DDR und „im Rahmen der Protestbewegung gegen Atomkraft und Raketenstationierung in den achtziger” übernommen.

Wie können wir es erklären, dass all diese politischen Bewegungen das Lied für sich vereinnahmten? Das Lied handelt von einem jungen Mann, der versucht, das Herz seiner Geliebten zu gewinnen. Es drückt keine bestimmte Ideologie aus, aber spricht über die dunkle Vergangenheit und eine schöne Zukunft.

Gefühle wie diese sind für jede politische Bewegung von Nutzen, aber finden auch jenseits dieser Anklang. Der Frühling erinnert uns, dass es trotz der Härte der letzten Monate immer wieder eine Chance auf einen Neubeginn gibt, und dass wir unsere Ziele erreichen können. Vielleicht ist das Lied daher nicht wegen seiner Anwendbarkeit, sondern wegen seiner Gefühle populär.

[1] Music and German National Identity by Celia Applegate; Pamela Potter, Julia Sneeringer, Social History, Vol. 30, No. 3 (Aug., 2005), pp. 392-394

[2] Deutscheslied.com,. ‚Deutsches Lied – Liedersuche‘. N.p., 2015. Web. 25 Jan. 2015.

[3] Liederlexikon.de,. ‚Der Winter Ist Vergangen — Liederlexikon‘. N.p., 2015. Web. 25 Jan. 2015. http://www.liederlexikon.de/lieder/der_winter_ist_vergangen/?searchterm=die%20winter%20ist%20vergangen

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