Das Auslandsjahr: eine Lernkurve

Das Auslandsjahr: eine Lernkurve

SHANNON MCLEAN

 Ich bin die Art Mensch, die immer einen Lebensplan hat – mit fünfzehn Jahren sah mein Plan so aus: Studium, Auslandsjahr, mehr Studium und der Abschluss danach. PGCE machen. Lehrerin werden. Klingt einfach? Mit einundzwanzig Jahren sieht der Plan dank des Auslandsjahres ganz anders aus. Jetzt ist mein Studium fast vorbei und ich schreibe darüber warum ich dankbar bin, dass mein Auslandsjahr nicht ‚perfekt‘ war und warum die Erfahrung oft erstaunlich aber entmutigend ist. Auch ein schlechtes Erlebnis kann ein gutes Erlebnis werden.

2014 flog ich zum ersten Mal nach Deutschland. Ich war überraschenderweise nicht nervös; ich lieβ meine Familie und meinen Freund am Flughafen zurück und innerhalb weniger Stunden landete ich begeistert in Köln. Ich war bereit, Abenteuer zu erleben – das Auslandsjahr ist ja etwas neu. Ich beschloss, Fremdsprachenassistentin zu werden und der British Council entschied, mich in Soest (Nordrhein-Westfalen) einzusetzen – bei der Bewerbung kann man erklären, ob man in einem Dorf, einer kleinen oder einer groβen Stadt wohnen möchte sowie die Bevorzugung für das Bundesland und die Art der Schule. Soest gefiel mir sehr gut, weil es gut vernetzt, vernünftig groß und schön war und ich erklärte im Übrigen, dass ich keine Bevorzugung der Schule hatte – ich wollte nur Lehren erfahren und arbeitete bei einem Berufskolleg. Die Stadt? Perfekt. Das Bundesland? Wie eine Heimat. Aber die Arbeit? Zwiespältig würde ich sagen.

Alle waren sehr freundlich und hilfreich, aber nach einigen Wochen fand ich heraus, dass ich keine gute Lehrerin wäre. Natürlich wollte ich erfolgreich sein aber es war einfach ungeeignet für mich, obgleich es ein Teil meines Plans war; die SchülerInnen waren älter als ich und sie interessierten sich nicht für Englisch (oder andere Fremdsprachen). Es war schwierig, mit einigen Klassen in Verbindung zu stehen und zuerst nahm ich das persönlich. Ich war enttäuscht, dass ich eine ‚Versagerin‘ wurde und auch, dass mein Auslandsjahr kein ‚bestes Jahr meines Lebens‘ war. Was hätte ich machen sollen? Ich hatte zwei Möglichkeiten: aufzugeben oder zu lernen. Ich führte ein Projekt mit Kultur, Musik und Spiele ein und ich gab dem Sohn einer meiner Kolleginnen Nachhilfe, aber ich wollte noch keine Lehrerin werden – ich beschloss, von meiner Erfahrung zu lernen. Lehren war einfach nichts für mich, genau wie die Mauerei oder die Zellforschung und jetzt sehe ich, dass es total in Ordnung ist. Es war kein Misserfolg. In Wirklichkeit fühle ich mich erleichtert, dass ich dies in Deutschland herausgefunden habe – jetzt muss ich keine tausende von Pfund für eine Lehrbefähigung verschwenden und ich kann wegen meiner Erfahrung weise Entscheidungen in der (sehr nahen) Zukunft machen.

Alles zusammengerechnet war mein Auslandsjahr trotz meines Einsehens erfolgreich: ich flog zum ersten Mal, ich reiste sehr spontan allein nach Berlin, ich verbrachte Nächte erwärmt durch Glühwein an den Weihnachtsmärkten und vor allem lernte ich viele gute FreundInnen kennen. Ich bin doch nur einundzwanzig – ich will nicht, dass mein Auslandsjahr das beste Jahr meines Lebens ist. Es ist ein Lernjahr in der realen Welt und ich bin mit meiner Erfahrung zufrieden, aber leider sind viele Leute niedergeschlagen.

Ich merkte schnell, dass ich mich wie eine Versagerin fühlte, weil ich erwartete, dass alles perfekt wird – also doch „das beste Jahr deines Lebens“ laut der Lehrenden, der Studierenden und der Familie. Aber ist dieser Gedanke schädlich für die Erfahrung? Ich glaube ja. Wir stehen so sehr unter Druck, aus unserer Zeit im Ausland das Beste zu machen, dass wir sie letztlich nicht genieβen – wir vergleichen unsere Erfahrungen mit anderen und samstags, wenn wir im Bett sitzen, fühlen wir uns als ob wir Zeit vergeuden. Für manche Leute zerstörten die hohen Erwartungen ihre Erfahrungen, wenn die Stadt zu klein und isoliert war oder wenn die Arbeit unerträglich gefunden wurde; nach einem Gespräch in einer Dortmunder U-Bahn-Station merkte ich, dass das für einige meiner FreundInnen gilt. Wir verwenden so viel Zeit auf die Planung und das Träumen davon, dass wir letztendlich entmutigt werden, wenn etwas den Erwartungen nicht entspricht – ich mag es nicht, dass solch eine aufklärerische und einmalige Erfahrung oft durch unsere hohen Erwartungen an uns beeinflusst wird. Wir sollten jede negative Erfahrung positiv nutzen, um unsere zukünftigen Pläne zu gestalten.

Ich möchte für die, die besorgt über das Auslandsjahr sind, betonen, dass es eine Zeit zum Lernen ist – seid nett zu euch und lasst euch nicht unter Druck setzen. Alles wird gut. Ihr müsst nicht jede einzelne Sekunde genieβen, ihr dürft auch mal eine Pause machen (und sonntags in Deutschland ist das eigentlich ein Muss!). Es gibt keinen Grund zur Panik, wenn etwas nicht perfekt ist: Ihr lebt im Ausland und erlebt eine neue Kultur und das ist erstaunlich genug. Es ist schon genug.

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