Die Wand

Die Wand

von George Jewitt

„Das Krächzen der Krähen durchbricht die klirrende Kälte, während im Inneren einer spartanischen Berghütte eine Frau ihre letzten Blätter in engen Zeilen vollschreibt. Ihre Fingernägel sind schmutzig von der vielen Arbeit. In ihrem Gesichtsausdruck spiegelt sich ihr Schicksal. Die Frau schreibt nicht aus Freude am Schreiben. Sie muss ihre Geschichte erzählen, um nicht den Verstand zu verlieren…“

Seit dem fünften Oktober ist das Ergebnis einer jahrelangen, mühsamen Verwandlung eines der berühmtesten und beliebtesten Kultbücher Österreichs in einen Film endlich im Kino zu sehen.

Kurz beschrieben: Die Geschichte folgt einer nicht benannten Frau, die in einer Almhütte irgendwo im österreichischen Gebirge verlassen wird. Als sie sich besorgt auf die Suche nach ihren nicht zurückgekehrten Freunden macht, entdeckt sie etwas Unvorstellbares, eine glänzende Wand lässt sie nicht weitergehen. Sie ist gefangen und muss monatelang einsam und allein ihr Dasein fristen. Die Entschlossenheit der Protagonistin scheint verzweifelt, als sie den Bericht über ihre außergewöhnliche Lage schreibt, ohne zu wissen, ob jemals auch nur einer einen Blick über die zerlumpten Seiten werfen wird.

Das im Jahre 1963 von Marlen Haushofer geschriebene Buch war zu Lebzeiten der Schriftstellerin kein Verkaufshit,  jedoch ist es in den vergangenen Jahrzehnten ein wichtiges literarisches Werk für Emanzipations- und Friedensbewegungen, sowie Feminismus geworden. Heute steht der Roman auf Platz 36 – direkt vor dem Nibelungenlied – auf einer von Experten erstellten Liste mit dem Titel ’50 Klassiker fürs Leben‘. Es mag nicht überraschen, dass Regisseur Roman Pölser seinen Film Aung San Suu Kyi widmen wollte: in einer Szene hört man sogar die Stimme der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin, die für ihn die lebende Verkörperung der Protagonistin (gespielt von Martina Gedeck) ist.

Die Geschichte dreht sich hauptsächlich um hoffnungsvolle Geduld. Besonders auch in Bezug auf die Filmproduktion, da Pölser zunächst auf die Verfilmungsrechte warten musste und sich dann dazu entschloss, die Szene in den echten Jahreszeiten aufzunehmen. Authentizität ist dem Regisseur die Wahrhaftigkeit im Film: er wollte das Buch seit langem in einen Film verwandeln, um das seiner Meinung nach beste Buch der deutsprachigen Literatur auch bei der neuen Generation von Kinobesuchern beliebt zu machen. In der Tat wurde nur ein Wort für das Drehbuch verändert und Pölser bietet einen Preis an für denjenigen, der dieses Wort herausfinden kann. Begeistert unterstützt von der österreichischen Filmproduktionsgesellschaft coop99, wurde Pölser ermutigt, seine eigenen Ideen zu dem Roman auszuleben, anstatt nur die  Erwartungen der literarischen Welt zu befriedigen. Deswegen versteht coop99 sich als „Plattform einer neuen Filmemacher Generation in Österreich“, deren „Projekte für Authentizität, persönliche Stellungnahme und individuelle Machart stehen“.

Es verspricht ein Film zu sein, der einen nicht so schnell loslässt und auch die Presse stimmt dem zu. Vielleicht wäre ein bisschen  Abgeschiedenheit  für unsere Redaktion auch eine gute Idee?

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